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Praxisbeispiel: Die Biotop Oberland e.G. im Porträt

Wahrer Wert statt Ware

Foto: Biotop Oberland e.G., Text: (c) Carina Sappl

Foto: Biotop Oberland e.G., Text: (c) Carina Sappl

Katerina Pohlova ist Mitbegründerin der Biotop Oberland e.G.

Gemeinsam verantwortlich und einander verpflichtet: Diese Begriffe stehen für die Idee von einer Landwirtschaft, die Erzeuger und Verbraucher solidarisch zusammenführt. Sebastian Girmann hat sie nach französischem Vorbild übernommen und 2015 mit vier Freunden die Biotop Oberland e.G. gegründet.

Das Prinzip ist einfach: Verbraucher kaufen sich in eine Genossenschaft ein und finanzieren mit ihren Beiträgen eine gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft. Dafür erhalten sie wöchentlich einen Teil der Ernte. Man kauft also nicht - wie sonst im Handel üblich - eine bestimmte Menge Ware, sondern beteiligt sich an den Gesamtkosten des Projektes. Dafür bekommt man pro Jahr 50 Ernteanteile, nur über Weihnachten und Neujahr erfolgt keine Lieferung.

Wie groß der Anteil ist, hängt vom Ertrag des jeweiligen Jahres ab. „Bei uns gibt es normale Ernteanteile und kleine, die wir wöchentlich in Kisten an unsere Mitglieder verteilen“, erklärt Sebastian Girmann, erster Vorstand und Initiator der Biotop Oberland e.G. „Eine normal große Kiste reicht bei durchschnittlichem Ertrag aus, um einen Zwei-Personen-Haushalt zu versorgen.“

„Unglaubliche Mengen Abfall“

Nach seinem Studium war Gartenbauingenieur Girmann zunächst in einer Bio-Gärtnerei tätig. Aber diese Arbeit war mit einigen für ihn unerträglichen Umständen verbunden: „Vor allem die unglaublichen Mengen, die weggeworfen werden, haben mir die Lust an der Marktgärtnerei gründlich verdorben“, erzählt der 30-Jährige. „Alles, was nicht der Marktnorm entsprach, konnte nicht verkauft werden. Und wenn plötzlich die Preise für Salat fielen, kurz bevor er soweit war, hat sich das Ernten nicht mehr rentiert. Es war nicht nur schade um die Lebensmittel, sondern auch um die vielen Stunden harte Arbeit.“ Auch der fehlende Bezug der Verbraucher zu Saisonalität und Herkunft der Lebensmittel störten ihn immer mehr.

2015 ertrug er das alles nicht länger. Gemeinsam mit Nick Fischer, Julia Frick, Katerina Pohlova und Matthias Helsen rief der Gartenbauingenieur eine gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft ins Leben. „Unser Ziel war und ist an erster Stelle die Erzeugung guter Lebensmittel. Auch der Klimaschutz und die Reduzierung unseres klimatischen Fußabdrucks spielen eine große Rolle“, erklärt der heutige Genossenschaftsvorstand.

Phänomenale Unterstützung

Von da an lief eigentlich alles wie am Schnürchen. „Die größten Probleme bereitete noch die Bürokratie, aber nur, bis wir mit der Genossenschaft die passende Rechtsform gefunden hatten“, erinnert sich Girmann. „Die Unterstützung war phänomenal, und zwar von allen Seiten.“

Mit ihren Anbauflächen hatten die Genossen fast schon unverschämtes Glück. Michael Holzmann, Inhaber der Biogärtnerei Gemüse Holzmann, sei von sich aus auf sie zugekommen und habe ihnen Grund zur Pacht angeboten. Genauso wie Eva Vogel von der Demeter-Gärtnerei Evas Paradies-Garten. Um staatliche Förderungen hat sich das Team nie beworben: Es ging auch ohne.

Heute bewirtschaftet Biotop Oberland eine Fläche von circa einem Hektar. Aktuell zählt sie um die 170 Mitglieder, auf die die komplette Ernte verteilt wird. Angebaut wird das Gemüse in Letten (Bad Heilbrunn) und Waakirchen. Von dort wird es in Kisten an insgesamt neun Verteilerstationen in Bad Tölz, Lenggries, Reichersbeuern, am Hofgut Letten und in Tutzing geliefert. Und das sogar im Winter.

„In unbeheizten Gewächshäusern kann man das ganze Jahr über zum Beispiel Spinat, Asia- und Feldsalat, Zuckerhut und Kräuter anbauen“, berichtet Sebastian Girmann.  15 bis 20 frisch geerntete Gemüsearten finden Genossenschaftsmitglieder auch im Winter in ihrer Kiste, außerdem reichlich Lagergemüse. Bisher verfügt die Genossenschaft noch nicht über ein eigenes Gewächshaus. Gemüse, das nicht im Freiland wächst, kaufen sie zu: von Evas Paradiesgarten und von Gemüse Holzmann, außerdem von ihrem direkten Nachbarn Tom Braun.

Rund 50 samenfeste Kulturen

Insgesamt baut Biotop Oberland - übers Jahr verteilt - ungefähr 50 Kulturen an, und zwar ausschließlich samenfeste. „Die schwanken im Gegensatz zu Hybridsorten zwar oft im Ertrag und wachsen wesentlich uneinheitlicher, dafür werden sie aber statt auf Marktnormen vor allem auf Geschmack gezüchtet“, erklärt Girmann. Auf den Feldern der Genossenschaft finden sich auch Gemüsesorten, die es nicht oder nur sehr selten im Supermarkt zu kaufen gibt. Die Mehrheit der Kunden würde gelbe Bete oder lila Karotten wahrscheinlich auch sicherheitshalber im Regal lassen. Ebenso verhalte es sich mit Zuckerhut, seltenen Kürbissorten und schwarzen oder grünen Tomaten.

Um den Mitgliedern die Scheu vor solchen Spezialitäten zu nehmen, enthält jede Erntekiste auch ein Wochenblatt. Darin finden sich unter anderem jede Woche zwei Rezepte, außerdem Hintergrundinformationen zu den einzelnen Gemüsesorten und auch zu Wuchsformen, die von der Marktnorm abweichen. Jeden Herbst führt das Team außerdem eine große Befragung der Mitglieder durch, um ihnen ein aktives Mitgestalten zu ermöglichen. So können die Anbaupläne den Wünschen entsprechend angepasst werden.

Auf eine Bio-Zertifizierung wurde bewusst verzichtet. Zumindest teilweise: „Wir bauen unser Gemüse auf zertifizierten Flächen an, insofern sind wir teilzertifiziert“, räumt Sebastian Girmann ein. „Aber wir selber haben kein Bio-Siegel, auf dem Weg unseres Gemüses zum Verbraucher ist ja kein Händler zwischengeschaltet, der so etwas verlangen würde. Und wie wir arbeiten, das sehen die Leute. Die Kosten für eine Zertifizierung haben wir uns also gespart.“

Die „kleinen“ Unterschiede

Die Wirtschaftsweise in einer solidarischen Landwirtschaft unterscheidet sich für Sebastian Girmann sehr stark von der in einer sogenannten Marktlandwirtschaft. Für den Verbraucher habe sie vor allem den Vorteil, dass er wisse, wo sein Essen herkommt. Er oder sie könne sich seine/ihre eigene Lebensmittelversorgung organisieren - ganz unabhängig von Lieferanten und Großmärkten. Speziell bei Biotop Oberland könne man sich außerdem aktiv an der Gestaltung der Genossenschaft beteiligen, eigene Ideen einbringen und bei der Anbauplanung mitreden. 

Für den Erzeuger auf der einen Seite hat diese Wirtschaftsweise vor allem den Vorteil, dass er das Anbaurisiko nicht alleine tragen muss. Die Abnahmesicherheit ermöglicht es unter anderem, Müll zu vermeiden. „Außerdem arbeitet man ganz anders, wenn man weiß, für wen man produziert“, so die Erfahrung von Sebastian Girmann, der selbst sehr viel Zeit auf den Äckern verbringt. „Und man entwickelt mit dem engeren Bezug zu den Abnehmern auch ein größeres Verantwortungsbewusstsein.“

Die Mitglieder sind offensichtlich zufrieden, im Jahr 2016 gab es lediglich zwei Austritte. „Oft haben die Leute schon Zweifel, gerade am Anfang“, räumt Girmann ein. „Letztlich überzeugt die meisten vor allem der Geschmack des Gemüses. Außerdem sehen viele unser Projekt als positive Herausforderung, wieder mehr zu kochen und mehr Gemüse zu essen.“

Eigener Standort in Aussicht

Positiver Zuspruch macht nicht nur Freude, sondern auch Mut für Neues. Nächstes Jahr möchte Biotop Oberland auf einen eigenen Standort umziehen. „Für den Start war der jetzige Zustand super, langfristig wäre etwas Eigenes aber noch besser“, ist der Vorsitzende der Genossenschaft sicher. „Vor allem Veranstaltungen wie unsere Mitgärtnertage wären dann einfacher zu organisieren.“

Geeignete Anbauflächen hat das Team bereits in Aussicht: Ein Lenggrieser Landwirt hat sich bereit erklärt, die Biotopler mit einem langfristigen Pachtvertrag bei sich aufzunehmen. Hier hätte die Genossenschaft zwei Hektar komplett für sich, mit Option auf Erweiterung.

Dass die betreffende Fläche bereits seit 25 Jahren biologisch bewirtschaftet wird, dürfte ein Faktor für die uneingeschränkte Zustimmung gewesen sein, die die Mitglieder laut Sebastian Girmann in der letzten Versammlung bekundet haben. „Anfangs war ich mir nicht ganz sicher, ob alle diesem Plan positiv gegenüberstehen würden. Wir reden hier ja schon über eine Menge Geld, schließlich brauchen wir alles neu. Aber es tun sich auch ganz neue Möglichkeiten auf, ein Freizeitbereich für Mitglieder zum Beispiel.“

Umso zuversichtlicher ist Girmann seit der letzten Infoveranstaltung. „Wir haben schon Planungsgruppen gebildet - wenn alles gut geht, können wir im Frühjahr 2018 starten.“ Im Falle eines Umzuges müsste sich die Genossenschaft auch eigene Maschinen zulegen, bisher durfte sie die Geräte ihrer Verpächter mitbenutzen. Maschinenfreies Arbeiten würde zwar den klimatischen Fußabdruck weiter verbessern, ist aber nicht das Ziel: „Wir wollen ja nicht zurück in die Vergangenheit, sondern etwas Neues schaffen. Und dazu gehört auch, dass wir zeitgemäß arbeiten“, versichert der erste Vorsitzende der Genossenschaft.

Lieferung per Tesla

Für seinen klimatischen Fußabdruck tut das Team auch so eine Menge: Durch den regionalen Schwerpunkt des Systems sind die Lieferwege extrem kurz, die Kunden befinden sich maximal 35 Kilometer vom Hauptstandort in Letten entfernt. Weil das Gemüse in Kisten ausgeliefert wird, fällt beim Verkauf kein Plastikmüll an.

Außerdem legt Sebastian Girmann Wert auf Humusaufbau: „Dieser Faktor wird in der gegenwärtigen Diskussion um den Klimaschutz oft vernachlässigt. Humus besteht zu einem großen Teil aus Kohlenstoff, den die Pflanzen, die ja die Grundlage für den Humusaufbau bilden, zuvor in Form von CO2 aus der Luft gefiltert haben. Pro Hektar lassen sich so mehrere Tonnen Kohlenstoffdioxid binden. Und ganz nebenbei erhöht sich auch auf natürliche Weise die Bodenfruchtbarkeit.“

Für kleinere Erntemengen - also bis zu 20 Kisten - steht Biotop Oberland übrigens ein Tesla zur Verfügung. Und irgendwann möchten Sebastian Girmann und sein Team auch größere Lieferungen mit einem E-Mobil tätigen können. Betrachtet man den bisherigen Verlauf des Projektes, stehen die Chancen dafür nicht schlecht. |