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Die Energiewende – was gesagt werden muss

Vortrag von Peter Frieß (Vorsitzender des Stiftungsrats der EWO Bürgerstiftung) am 29.11.2012 anlässlich der Stifterversammlung

Die Energiewende – was gesagt werden muss

Unser wunderbarer Planet ist mit 4,5 Milliarden schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Er hat uns kostenlos alles zur Verfügung gestellt, was er in 300 Millionen von Jahren mühsam unter die Erde gebracht hat. Mit einem hohen Maß an Geschicklichkeit haben wir durch die Ausbeutung seit ca. 1780 ein immer luxuriöseres Leben geführt.

Vor der Einführung der kohlebetriebenen Dampfmaschine und dem Beginn des industriellen Zeitalters war unsere Erde dünn besiedelt und eine von Sklaven, Pferden, Ochsen und etwas Brennholz angetriebene und - damit von der Ressourcenfrage hergesehen - heile Welt. Aber wir haben auf dem Weg der Verbesserung unseres Wohlstandes die Ressourcen mit einer solchen Geschwindigkeit ausgebeutet, dass diese Periode im Rückblick der Geschichte nur die Dauer eines Wimpernschlag haben wird.

Noch ein kurzer Augenblick, dann werden ca. 9 Mrd. Menschen gleichzeitig auf unserem Planeten leben wollen. Das wiederrum sind ca. 50 % aller Menschen, die jemals geboren wurden. Jeder vernünftige Kaufmann würde Rückstellungen bilden und die Läger ausbauen für den steigenden Bedarf. Doch unsere heutige Wirtschaftspolitik trägt dem noch keine Rechnung. Sie ist ist nicht enkelverträglich.

Jeden Tag sterben 37.000 Menschen an Hunger, alle 5 Sekunden ein Kind - während 1,5 Milliarden an Übergewicht leiden. An jedem Tag rotten wir heute 150 Tier- und Pflanzenarten aus, produzieren wir zusätzlich 50.000 Hektar Wüste, werden aber zugleich an jedem Tag eine Viertel Million Menschen mehr. Wir überfischen die Ozeane und missbrauchen diese Wiege des Lebens als Müllkippe. Wir vergrößern ständig die Kluft zwischen Arm und Reich. Wir schlucken täglich 87 Millionen Fass Erdöl. Damit blasen wir 150 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft durch das Verbrennen von Kohle Gas und Öl. Wir verbrennen heute an einem Tag, woran die Natur eine Million Tage gearbeitet hat. Würden alle wie Europäer leben, bräuchte man schon heute drei Planeten, um die Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen. Damit kann es kaum ein sinnvolleres Engagement eines verantwortungsbewussten Bürgers geben, als das des Eintretens für die Energiewende.

Ich glaube fest an ein nachhaltiges Zeitalter. Und ich glaube ganz fest an dieEnergiewende, aber ich befürchte, dass es schon zu spät ist, das 2 Gradziel zu erreichen. Diese Erkenntnis tut weh. Aber wir Menschen lernen anscheinend nur aus eigenen schmerzhaften Erfahrungen. So müssen wohl zuerst über einen längeren Zeitraum die Auswirkungen der Klimakatastrophe sichtbar und schmerzhaft spürbar werden.

Warum werden wir das 2 Grad - Ziel verfehlen? 96 % der Klimaforscher sagen, dass wir noch maximal 600 Mrd. Tonnen CO2 bis 2052 emittieren dürfen. Dividiert man das durch 40 Jahre, so bleiben noch durchschnittlich 15 Mrd. Tonnen pro Jahr. Dies geteilt durch 8 Mrd. Menschen, so dürften wir durchschnittlich 1,9 Tonnen pro Person und Jahr emittieren.

Die aktuelle Statistik des Verbrauchs pro Kopf zeigt, wie wenig hoffnungsvoll die Realisierung ist:

  • USA: 20 Tonnen Pro Kopf und Jahr 
  • Deutschland: 11 Tonnen pro Kopf und Jahr 
  • China: 4,9 Tonnen pro Kopf und Jahr 
  • Indien: 1,2 Tonnen pro Kopf und Jahr 
  • Afrika: 0,25 Tonnen pro Kopf und Jahr

Die Emissionen des Jahres 2011 lagen bei 34 Mrd. Tonnen. Damit blieben uns noch max. 20 Jahre. Was wird in den kommenden Jahrzehnten geschehen: Gletscher schmelzen weiter, Trinkwasser wird knapper, Meeresspiegel steigen an, Dürre, Ernteausfälle, tropische Wirbelstürme, Waldbrände, regelmäßige Überschwemmungen, extreme Temperaturen und vermutlich Verteilungskämpfe.

Mein Problem ist, dass ich meinen Vortrag nicht vor ihnen halten müsste, sondern vor der Vielzahl von Menschen, den Ewiggestrigen, die immer noch glauben, dass ein nachhaltiges Denken nur Arbeitsplätze und Wachstum gefährdet und die Klimakatastrophe an uns vorübergeht. Und so begegnen uns immer wieder Menschen, die die törichte Frage stellen: Ist das überhaupt sicher, dass es zu einer weiteren Temperaturerhöhung kommt, und hängt das überhaupt mit dem Verbrennen fossiler Brennstoffe zusammen? Haben die 4 % der Wissenschaftler, die von der Mineralölindustrie bezahlt werden, nicht vielleicht doch recht? Warum erlaube ich mir, diese Frage als töricht abzuqualifizieren?

Roger Revelle hat bereits 1957 gesagt: Die Menschen führen ein großangelegtes geophysikalisches Experiment aus, das so weder in der Vergangenheit hätte passieren können, noch in der Zukunft wiederholt werden kann. Fragen Sie die Ewiggestrigen, ob Sie bereit sind eine Straße zu überqueren, wenn sie wissen, dass sie mit einer 50 %-igen Wahrscheinlichkeit überfahren werden. Oder würden diese Menschen in einen Ferienflieger einsteigen, wenn am Eingang ein Schild steht: Dieses Flugzeug wird mit einer 10%-igen Wahrscheinlichkeit abstürzen. Sicher nicht.

Solche Experimente darf man einfach nicht durchführen und da ist es töricht zu warten, bis die Veränderungen des Klimawandels auch im letzten Winkel unser Erde Schmerzen verursachen.Was muss noch passieren, bevor wir entschlossen reagieren? Und dann - wenn wir bereit sind zu reagieren - stellt sich die Frage, ob wir das Geld zur Beseitigung der Schäden oder zum beschleunigten Umstieg einsetzen. Ich befürchte Ersteres.

Einen Joker hätten wir noch. Der wäre bezahlbar und vielleicht auch politisch umsetzbar. Wenn wir die Emissionen nicht in den Griff bekommen, müssten wir über die biologische Sequestrierung das C02 teilweise wieder aus der Atmosphäre herausholen. Das würde uns mehr Zeit für die Energiewende geben. Ich meine ein gigantisches weltweites Waldaufforstungsprojekt. 1.000 Milliarden Bäume will Plants-for-the-Planet pflanzen. Der Senat der Wirtschaft, dem ich angehöre, geht politisch auf internationaler Ebene in die gleiche Richtung. Auf einer möglichen Fläche von 500 Mio. Hektar lassen sich jährlich 5 - 7 Mrd Tonnen CO2 binden. Das fossile Energiezeitalter ist nicht mehr als ein Wimpernschlag im Zeitablauf der Erdgeschichte und geht unweigerlich dem Ende entgegen - die Frage ist nur wie. Unglücklicherweise freuen sich zu viele darüber, wenn man das Ende durch Tiefseebohrungen, Ölsände und Schiefergas noch ein wenig hinauszögern kann. Und wenn das Eis der Arktis erst einmal geschmolzen ist, ergeben sich weitere Reserven, die man verantwortungslos bereit ist, auszubeuten. Das Gefährliche für unser Klima ist auch, dass die Kohlevorräte beim Niveau des heutigen Energieverbrauchs noch ca. 300 Jahre ausreichen, und die Hälfte von Erdöl und Gas ist vermutlich noch im Boden. Die Ausbeutung wird zwar immer teurer und die damit verbunden Risiken immer größer, aber es scheint uns nichts zu bremsen. Und so werden wir schlimmstenfalls noch 5 mal soviel CO2 freisetzen wie wir dürften, um das 2-Gradziel zu erreichen. 4-5 Grad plus bis 2100? Kein Mensch weiß genau, was 5°C plus tatsächlich bedeuten werden. Wir wissen aber, was schon einmal 5°C minus Durchschnittstemperatur bedeutet hat, nämlich ein Kilometer Eis über uns.

Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil es keine Steine mehr gab und das fossile Zeitalter sollte bitte nicht erst zu Ende gehen, wenn es kein Öl, Gas oder Kohle mehr im Boden gibt. Wir Bürger in den Industrienationen haben es in der Hand, denn wir gehören zu den 20 % auf diesem Planeten, die 80 % der Energie verbrauchen.

Es besteht die große Hoffnung, dass in der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts eine neue Kultur entstanden ist mit einer neuen Wirtschaftsform z.B. eine ökosoziale statt einer die als einziges Ziel die Steigerung des Bruttosozialproduktes kennt, ohne zu fragen, ob das dem eigentlichen Ziel des Lebens dient, nämlich glücklich zu sein. Doch wie schwer wird der Rucksack sein, den wir den kommenden Generationen auf den Rücken packen an Klimaveränderung, Schulden, Rentenproblemen, Ressourcenverfügbarkeit, atomaren Abfalls und sozialen Konflikten durch die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich?

Der Zeitpunkt, uns auszutauschen und uns gegenseitig neue Kraft für unser Engagement für die Energiewende zu geben, hätte „leider" nicht besser sein können. Aktuelle Ereignisse zeigen uns, dass noch ein sehr weiter Weg zur Realisierung unserer Vision 2035 vor uns liegt. Und die Geschwindigkeit des Erreichens der Meilensteine hängt stark mit dem Bewusstseinswandel zusammen. Dank einer Vielzahl von Bremsmanövern sind wir aktuell mehr mit der Geschwindigkeit einer Schnecke als der eines dringend benötigten Geparden unterwegs.

Die Gesellschaft muss zum Handeln bewegt werden. Nur durch die Kraft der Bürger kann die Wende beschleunigt werden. Wenn wir auf die Politiker warten wollen, dann ist das wie das Warten auf Godot im skurrilen Theaterstück von Samuel Becket. Frau Merkel hat in Heiligendamm 2008 gesagt: Wir erwägen ernsthaft, den CO2-Ausstoß bis 2050 drastisch zu reduzieren.

Sagen sie ihrem Banker wenn sie ein Darlehen wollen: Ich erwäge ernsthaft den Kredit auch zurückzuzahlen...

So haben unsere Politiker leider entschieden, dass die Umstellung auf erneuerbare Energien vom Bürger direkt bezahlt werden muss. Das hat es bei noch keiner anderen neuen Energieart gegeben. Das sich hieraus ergebende Dilemma wird aus einer aktuellen Allensbach Umfrage deutlich: 76 % der Deutschen sind für den Ausbau erneuerbarer Energien aber 63 % wollen dies nicht über ihre Stromrechnung finanzieren.

Schlagzeilen wie: „Die Energiewende - ein Wahnsinn!" und die" EEG-Umlage steigt auf unbezahlbare 5,3 Cent". Damit ist für viele Menschen die Energiewende Schuld am Elend unserer privaten Haushalte und die Energiewende müsste eigentlich schnell gestoppt werden. Dabei haben 58 % der Steigerung von 2012 auf 2013 mit erneuerbaren Energien überhaupt nicht zu tun. So zahlen industrielle Großverbraucher keine EEG-Umlage und genießen großzügige Ermäßigungen bei der Ökosteuer und den Netzentgelten. Ursprünglich gedacht war das für Großverbraucher wie Aluminiumhütten, die im weltweiten Wettbewerb sonst nicht bestehen könnten.

Gerade aber hat unsere Regierung die Grenze des privilegierten Letztverbrauchs um das Zehnfache auf 1 GWatt Jahresverbrauch gesenkt. Nun genießen über 2.000 Unternehmen - darunter auch Hähnchenzüchter und Regionalbahnen die Befreiung, damit sie im internationalen Wettbewerb bestehen können. Wäre dem nicht so, würde die Umlage für die Privathaushalte statt 5,3 Cent im kommenden Jahr nur 3,5 Cent/kWh betragen. Dank der Erneuerbaren Energien sind die Börsenstrompreise um ca. 0,4 Cent/kWh gesunken. Davon profitiert aber erneut nur der industrielle Großverbraucher. In die EEG Umlage wird dieser Vorteil nicht eingerechnet.

Wenn eine Industrieförderung in dieser Größenordnung gewollt ist, so muss man das klar benennen und sie nicht klammheimlich dem privaten Haushalt aufbürden. Zudem enthält die EEG-Umlage ab 2013 auch 0,3 Cent/kWh zu niedrig berechneter Umlage aus 2012, sowie eine Marktprämie und einen Liquiditätspuffer von weiteren 0,3 Cent/kWh, um einen weiteren Anstieg in 2014 zu verhindern.

Theoretisch wäre bei einer gerechten Lastenverteilung netto ein Betrag von 2,9 Cent ausreichend.

Leider zahlen wir Verbraucher für die Kosten der Energiewende auch noch 19 % Mehrwertsteuer obendrauf - für das Übernachten in Deutschland fallen nur 7 % an - das verstehe wer will.

Und übrigens - eine Befreiung von der unsinnigen Stromsteuer auf erneuerbare Energien würde nochmals ca. 0,5 Cent /KWh Entlastung für private Verbraucher bringen. Und leider hat das Märchen vom teuren Ökostrom politische und publizistische Folgen. So mancher Politiker träumt schon wieder von längeren Laufzeiten der Atommeiler und in der Bildzeitung haben sich bei einer Umfrage zwei Drittel von 100.000 Lesern die Atomenergie zurückgewünscht. Atompropaganda statt journalistischer Aufklärung und die Endlagerung ist doch das Problem der kommenden Generationen.

Wer aber den herkömmlichen Strom mit Ökostrom vergleicht, verwechselt Äpfel mit Birnen, weil Solar- und Windstrom das gesellschaftlich wertvollere Produkt ist. Es entstehen für Kinder und Enkel nämlich keine Gesundheitsschäden und keine Folgekosten und-risiken. Einige Cent pro Kilowattstunde Strom sollte uns das selbstbestimmte Leben unserer Nachkommen freilich schon wert sein. Übrigens hat sich Haushaltsstrom in den letzten zwölf Jahren von 15 auf 26 Cent verteuert - und das hängt überwiegend mit dem sich immer stärker beschleunigenden und knappheitsbedingten Anstieg der Preise für fossile Brennstoffe - und nicht mit der EEG - Umlage - zusammen. Ja - es ist sicher zu Fehlentwicklungen im EEG gekommen. Okay dann müssen Kurskorrekturen vorgenommen werden. Eine

Neujustierung der Förderung ist notwendig aber keinesfalls ein Rücktritt von der Energiewende. Friedrich Rückert hat vor ca. 200 Jahren geschrieben: Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die im Irrtum verharren, das sind die Narren.

Und Fakt ist: Am Anfang ist jede neue Technologie teuer. Das war so beim Fernseher, bei der Waschmaschine und beim Auto. Aber durch Massenproduktion werden alle Technologien billiger. Diese Entwicklung erleben wir jetzt beim Solarstrom und haben wir beim Windstrom schon vor zehn Jahren gesehen: Im Jahr 2000 kostete die Kilowattstunde Solarstrom noch 70 Cent, heute 16 Cent und in etwa 10 bis 15 Jahren werden wir in Deutschland bei 5 Cent pro Kilowattstunde sein. Die Kosten pro installiertem WPeak lagen 1975 noch bei 70 € und liegen aktuell 1 €. Das ist eine gigantische Entwicklung. Ökoenergien sind ein deutscher Exportschlager.

Von den fünf maßgeblichen erneuerbaren Energien - Sonne, Wind, Bioenergie, Wasserkraft und Geothermie - ist Deutschland technologisch bereits bei dreien Weltmarktführer: -bei Sonne, bei Wind und bei Biogas. Und aktuell kommen noch die notwendigen Speichertechnologien dazu, bei denen die deutsche Technik ebenfalls vorne liegt. Wenn sich allerdings Unternehmen wie Siemens und Bosch wegen der kurzfristigen Gewinnmaximierung z.B. aus diesen Geschäftssparten oder dem Desertechprojekt zurückziehen und den Chinesen und Russen das Feld überlassen, könnte sich das im Rückblick als schwerer Fehler erweisen. Die Energiewende hat bereits zu knapp 400.000 neuen und zukunftssicheren Arbeitsplätzen geführt, sagt das Bundesumweltministerium. Jahr um Jahr werden jetzt durch die Energiewende mehr Arbeitsplätze bei uns entstehen. Ein unschätzbarer sozialer Vorteil der Ökoenergien.

Laut Bericht IEA summierten sich die staatlichen Förderungen für Öl, Kohle und Gas allein im Jahr 2011 auf weltweit 500 Milliarden Euro - die erneuerbaren Energien erhielten dagegen nur 67 Milliarden. Und hinsichtlich der Atomkraft sind die Befreiung der Versicherungspflicht und die ungelöste Frage der Endlagerung hierin noch nicht enthalten. Seit 1970 wurde Atomstrom in Deutschland mit knapp 200 Milliarden Euro Steuergeldern gefördert, Strom aus Stein- und Braunkohle gar mit 250 Milliarden Euro - die Erneuerbaren mit knapp 60 Milliarden - aber nicht über Steuern, sondern über den allgemeinen Strompreis. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn ein hoher Prozentsatz in Deutschland glaubt, dass Erneuerbare Energien uns finanziell in den Ruin treiben.

Verfolgt man aber die öffentliche Berichterstattung, so wird klar, dass ganz starke Kräfte in Deutschland am Werk sind, die mehr egoistische und kurzfristige statt zukunfts- und gemeinwohlorientierte Ziele verfolgen. Zwar beginnen immer mehr langsam zu begreifen, was es bedeutet, in einer von globaler Erwärmung beeinträchtigten Welt zu leben. Wir beginnen zu verstehen, welche Folgen ansteigende Meeresspiegel, Orkanstürme und Hitzewellen mit sich bringen werden. Wir beginnen zu verstehen was der Verlust von Tausenden von Pflanzen und Tierarten bedeuten werden. Und immer Mehr beginnen zu verstehen, was für eine Zumutung es für unsere Nachkommen sein wird, Zehntausende von Jahren auf den nuklearen Abfall Ihrer Vorfahren aufpassen zu müssen. Aber noch zu viele glauben, die Party muss weiter gefeiert werden, bis der Letzte die Kerosinlampe ausmacht.

Aktuell haben wir noch die Wahl, ob wir verbrannte Erde oder fruchtbaren Boden hinterlassen wollen, ob wir nur als Verbraucher oder auch als Bewahrer in die Geschichtsbücher eingehen wollen. Aber wenn wir nicht schnell handeln, werden wir nur noch zwischen Pest und Cholera zwischen Skylla und Charybdis wählen können. Wir werden im Rückblick entweder als die am meisten gehasste Generation dastehen oder als die verantwortungsvolle Generation, die mit Kraft versucht hat, das Ruder herumzureißen. Eines wird man uns nicht mehr zugestehen und das ist, dass wir es nicht gewusst haben. Schaut man aber zur Zeit nach Katar und bedenkt, dass wir heute anfangen, über ein Klimaschutzabkommen ab 2020 zu diskutieren, dann übertrifft die Sorge die Hoffnung um ein Vielfaches.

Themenwechsel: Was erwarten wir eigentlich von unserer Energieversorgung?

Die Ecken des magischen Fünfecks sind:

  1. Umwelt- und Klimaverträglichkeit: Das ist zu erreichen durch Internalisierung der externen Effekte. Nur wenn C02 etwas kostet, werden wir es vermeiden wollen. Hätten die fossilen Brennstoffe einen fairen Preis, dann wäre der Siegeszug der Erneuerbaren nicht mehr aufzuhalten.
  2. Versorgungssicherheit, die Abhängigkeit und Versorgungsrisiken reduziert. Rein auf Import zu setzen - aus Ländern, die uns gegenüber wenig Kooperationsbereitschaft haben, ist grob fahrlässig.
  3. Bezahlbarkeit, damit wir auf unseren nationalen und internationalen Märkten wettbewerbsfähig bleiben. 
  4. Sicherheit Spätestens seit Harrisburg, Tschernobyl und Fukoshima wissen wir, dass die Atomenergie nicht beherrschbar ist.
  5. Akzeptanz

Das ist neben dem politischen - von Lobbyisten gesteuerten Willen der zweite Hemmschuh. Ich mag keine Anglizismen: Aber Nimby (not in my backyard) und Banana (Build absolutely nothing anywehre near anything) sind bei uns im Oberland schon angekommen.

Ein Beispiel ist der Bürgerentscheid in Penzberg: Das Biomasse-Heizkraftwerk in Penzberg wird nicht errichtet. Beim Bürgerentscheid am Sonntag in Penzberg sprachen sich 77,84 Prozent der 5695 Bürgerinnen und Bürger, die ihre Stimme abgaben, gegen den Bau im Industriegebiet Nonnenwald aus. Nur 22,16 Prozent votierten dafür. Die Wahlbeteiligung war mit 44,87 Prozent überraschend hoch. Und dann gibt es noch lokale Initiativen die die Komplexität der Materie zu falscher Information aus egoistischen Motiven nutzen und Stimmung gegen die Windenergie machen.

Eine ganz aktuelle Infrateststudie aber zeigt, dass 73 % der Menschen für Windenergieanlagen stimmen, sofern sie in ihrer Nachbarschaft Erfahrungen damit sammeln konnten. Eine andere Studie vergleicht die wirtschaftlichen Effekte der unterschiedlichen Ökostromziele von Bundesregierung und Bundesländern bis zum Jahr 2020. Danach ist gerade die günstige Windenergie der stärkste Motor für Wertschöpfung und Beschäftigung. Bis zum Jahr 2020 könnten in der Windenergiebranche rund 70.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Einkommen in Deutschland, die Unternehmensgewinne und die Steuereinnahmen für Bund, Länder und Kommunen würden im Jahr 2020 um etwa fünf Milliarden Euro höher liegen. Und schaut man auf das magische Fünfeck, so bleiben doch nur Energie einsparen, Energieeffizienz und erneuerbare Energien für eine erstrebenswerte Zukunft. Denn die Energiewende ist in vielerlei Hinsicht sinnvoll und ganz besonders für das Klima und die Versorgungssicherheit: So müssen wir ganz stark an die Kraft der Sonne glauben, denn sie alleine schickt jeden Tag 10.000 mal mehr Energie auf die Erde als wir benötigen. Die Windströme enthalten 308 mal soviel Energie wie an einem Tag verbraucht wird. Und die nutzbare Wasserkraft enthält nochmal die Hälfte der Energie, die wir an einem Tag brauchen. Und - ich zitiere Franz Alt: „Jede Solaranlage, jedes Windrad und jede Biogasanlage sind Zeichen des Friedens. Um solche Energiequellen wird kein Krieg geführt."

„Jede Solaranlage, jedes Windrad und jede Biogasanlage sind Zeichen des Friedens. Um solche Energiequellen wird kein Krieg geführt." - Franz Alt

Apropos Sicherheit: Von einer Wind- oder einer PV-Anlage oder einem Wasserkraftwerk gehen nun wirklich keine nicht beherrschbaren Gefahren aus. Natürlich kann man den Anblick von Windrädern nicht schön reden. Aber wenn das der Preis ist, den wir zahlen müssen für eine bessere Zukunft kommender Generationen, dann zahle ich diesen Preis sehr gerne. Wir leben - glücklicherweise - in einer der ganz wenigen Regionen auf dieser Erde, deren Zukunft weniger stark von den großen Problemen betroffen sein wird. Dann sollten wir wenigstens die Windenergie akzeptieren und damit unseren Beitrag leisten zu einer dezentralen Energieversorgung. Denn auch das Warten, bis die teurere Offshore -Windkraft über noch zu bauende Gleichstromüberlandleitungen (Banana) bei uns ankommt, ist wieder wie Warten auf Godot. Dank unserer hervorragenden Ausgangslage können wir die Vision unser EWO Bürgerstiftung realisieren. Das würde nicht nur die Attraktivität unserer Region durch hervorragende wirtschaftliche Rahmenbedingungen stark befördern, sondern damit würden wir auch unserer Verantwortung gegenüber kommenden Generationen gerecht werden.

Niemand - und ich zu allerletzt - hat ein Patentrezept, um die anstehenden Probleme zu lösen. Aber wir können die Probleme gemeinsam in den Griff bekommen, indem wir sie als Chance für einen Neuanfang begreifen. Wenn wir heute entschlossen ja zur Energiewende und nachhaltigem Wirtschaften sagen, können wir agieren und müssen nicht nur reagieren. Ernst Ullrich von Weizsäcker: Angesichts der ökologischen Grenzen kann und darf es keinen neuen Wachstumszyklus geben, der erneut auf zusätzlichem Verbrauch von Energie, Wasser und Mineralien basiert. Der neue Zyklus muss „grün" sein - oder er wird nicht stattfinden.

Alle langen Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs ob Dampfmaschine, Eisenbahn, Strom, Automobil, und Computer hingen mit Energie zusammen. Und auch der nächste Zyklus wird von Energie getrieben sein, aber bitte erneuerbarer und überall. Desertech, Meerwasserentsalzungsanlagen, Internet überall für mehr Bildungschancen und Information weltweit - sind Hoffnung gebende Schlagworte. Deutschland hat die Innovationskraft für solche wegweisenden Entwicklungen für eine Welt mit nachhaltiger und gerechter Zukunft. Aber wir brauchen auch die Unterstützung einer anderen Politik:

Ich zitiere Martin Luther King: I have a dream

Es geht auf Weihnachten zu, da darf man sich etwas wünschen und ich wünsche mir:

  1. Politiker, die uns nicht mehr an der Nase herumführen. 
  2. Politiker, die nicht immer nur die Interessen der Lobbyisten bedienen. Die 10 %-ige Beimischung von Bioethanol wurde nur beschlossen, um der deutschen Automobilindustrie höhere CO2 Grenzwerte zu bescheren. Dann bitte die Ausnahmen beim EEG reduzieren und endlich steuerliche Anreize für uns Bürger für energetische Sanierung schaffen. 
  3. Die Erkenntnis, dass unser bisheriger Wachstumsbegriff nicht mehr länger der richtige Weg zum Lebensglück ist. 
  4. Den Mut haben, sich den sich daraus ergebenden Herausforderungen zu stellen 
  5. Über eine Wahlperiode hinausdenken. 
  6. Vernünftige Auszeichnung unserer Produkte. 
  7. Und den fossilen Brennstoffen und der Kernkraft einen fairen Preis geben. 

 Das Gefährlichste im Leben ist der Versuch, einen Abgrund in zwei Schritten überwinden zu wollen. Liebe Politiker, lasst nicht zu, dass die Energiewende weiter eingebremst wird. Aber es ist auch die Aufgabe von den Bürgern, den Politikern die Kraft zu geben, dass sie für vernünftiges Verhalten nicht sofort abgestraft werden, sondern eine Mehrheit hinter sich wissen.

Ein Moskito kann nichts gegen ein Rhinozeros (ob in Berlin, Brüssel, USA oder z.B. Kanada) ausrichten, aber Tausende Moskitos können ein Rhinozeros dazu bringen, die Richtung zu ändern.

Mehr als 80 Prozent finden: "Wir Bürger dürfen Politik und Wirtschaft die Lösung der globalen Krisen nicht alleine überlassen, sondern sollten uns persönlich für Veränderungen in der Gesellschaft engagieren." Bereits jeder fünfte Deutsche wird selbst aktiv, um die Welt ein bisschen besser zu machen, wobei die Menschen sich im beruflichen oder privaten Umfeld, in Vereinen und zivilgesellschaftlichen Initiativen einbringen. Und 16,3 Prozent der Umfrageteilnehmer finden, dass es mehr Spirit und ein neues Denken braucht, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und Teile dieser 16,3 % sitzen heute hier. Das unermüdliche ehrenamtliche und finanzielle Engagement vieler Bürger ist es, was unsere Stiftung lebendig hält und dem Vorstand viel Unterstützung und Kraft gibt, um großartige Projekte anzugehen.

Vielen Dank für Ihr Engagement und dass Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Peter Frieß, Stiftungsratsvorsitzender Bürgerstiftung Energiewende Oberland